Der Feminist

(20.03.99, Rainer Schöttker)

Ich stell´ mir grad´ vor, ich würde als Provider arbeiten: Den ganzen Tag lang - und die halbe Nacht - nichts als Streß - die Hauptleitung nach Frankfurt ist seit Stunden ausgefallen, die Leitung nach Übersee funktioniert heute sowieso nicht und einen Auftrag eines möglichen Großkunden können wir heute auch nicht annehmen, weil ...

Ist auch egal, warum. Hinzu kommt der Lärm und die elende Pestilenz der Auto, wenn ich zur Arbeit haste, und auch sonst keinen Moment Ruhe den lieben langen Tag lang.

Ganz anders wäre mein Tag, wenn ...
Wenn WAS?

Es könnte der Tag ganz ruhig beginnen, keine Autos auf den Straßen (und auch sonst nirgends), im Büro lächeln wir einander fröhlich (nicht freundlich) an, OBWOHL die Hauptleitung nach Frankfurt seit Stunden ausgefallen ist und die Leitung nach Niemandsland heute sowieso nicht funktioniert. Ach ja, und der mögliche Großkunde kann auch zum . . . - Wie heißt das freundliche Wesen denn nochmal, zu dem wir unsere geliebten Mitmenschen oft und gerne schicken? Jedenfalls soll da auch der Pfeffer wachsen. - . . . gehen!
Nanu? Wie das?

Ganz einfach! Mit dem neuen Album von Euro Boys namens Long Day´s Flight ´Till Tomorrow belastet mich das Ganze nicht mehr so. Diese Band, die irgendwo zwischen Santana und Dire Straits anzusiedeln sind, bieten auf ihrer neuen Scheibe 13 wunderbare Stücke, mit denen sich ein Tag in Hanrmonie beginnen läßt, ohne den alltäglichen Streß, den wir quasi selber machen, auch wenn wir immer darauf schimpfen. Wenn uns Menschen jemand retten (oder wenigstens einen Gefallen tun) möchte, kann er oder sie uns allen diese Scheibe schenken. Mehr braucht es nicht, um in völliger Harmonie und Einklang mit Tier und Natur sein Leben zu gestalten.

Obwohl der Name dieser Band als erstes nach einem bravo-Starschnitt Ausschau halten läßt, haben die fünf Jungs im Alter zwischen 20 und 24 Jahren nichts gemein mit all´ dem Standard-Einheits-Kommerz, mit dem uns die Industrie stetig zumüllt. Euro Boys läßt eine Zeit wieder aufleben, die an Deep Purple und Santana erinnert, mit all´ seiner FLOWER-POWER und LOVE-AND-PEACE (Was ist eigentlich daraus geworden? Existieren all´ die Janis Joplins, Jim Morrisons, Jimi Hendrixs, John Lennons und wie sie immer gehießen haben, - existieren sie noch in unseren Köpfen? Sie sind für uns gestorben!), an eine Zeit der großen Rock-Bands, ohne diese Bands zu immitieren. Euro Boys haben ihren eigenen Stil, auch wenn dieser nicht immer unseren Vorstellungen entspricht. Aber genau das macht eine multikuturelle Musikszene ja interessant. So erfahren wir Emotionen von Mitmenschen, die wir vielleicht anders erwartet hätten oder als Musiker anders ausdrücken würden.

Die fünf Jungs von Euro Boys sind darüber hinaus excellente Musiker, jeder für sich, und innerhalb der Band trägt jeder sein Schärflein dazu bei, um aus Euro Boys das zu machen, was es ist: Musik, wie wir sie uns wünschen würden, wenn die Industrie UNS Hörerinnen und Hörer fragen würde, was wir denn gerne hören möchten.